Visaginas im äußersten Nordosten Litauens wurde einst als Retortenstadt für die Arbeiter des Atomkraftwerks „Ignalina“ aus dem Boden gestampft. Wie lebt es sich heute in der Stadt nach der endgültigen Schließung des Kernkraftwerks?

Von Dr. Berthold Forssman

Eigentlich sollte am Ufer des zwischen Litauen und Belarus gelegenen Drūkšiai-Sees eines der größten Atomkraftwerke der Sowjetunion entstehen. Geldmangel und technische Probleme brachten das Projekt zum Erliegen, aber zwei Blöcke vom Typ „Tschernobyl“ wurden noch fertiggestellt, bevor die Sowjetunion auseinanderbrach. Die EU stufte die Reaktoren als unsicher ein und forderte von Litauen als Bedingung für einen Beitritt unter anderem eine Abschaltung des Kernkraftwerks. Block 1 ging damit zum Jahresende 2005 vom Netz, Block 2 folgte Ende 2009. Im nahegelegenen Visaginas herrschte geradezu Katastrophenstimmung. Schließlich war die Retortenstadt im litauischen Wald und fernab der Metropolen Vilnius und Kaunas einzig und allein für die Mitarbeiter des Kraftwerks und ihre Familien errichtet worden. Nun waren nicht nur tausende Arbeitsplätze bedroht, sondern es wurde gar das Ende der ganzen Stadt befürchtet.

Forssman Übersetzer AKW Ignalina
Forssman Übersetzer Visaginas

Retortenstadt im Wald

Nach der Katastrophe im sowjetischen Atomkraftwerk „Tschernobyl“ musste die in der Ukraine gelegene Kraftwerksstadt Prypjat über Nacht geräumt werden und ist bis heute wegen der nach wie vor hohen Strahlung nicht frei betretbar. Visaginas ist ein solches Schicksal zum Glück erspart geblieben, und es ist auch kein Sowjet-Museum wie die Geisterstadt Prypjat geworden. Aber es ist ein wahrlich exotischer Ort auf dem Boden von EU, NATO, Schengenraum und Eurozone, vollkommen frei betretbar – und mit Sicherheit einer der ungewöhnlichste Plätze, die ich in meinem ganzen Leben besucht habe.

Visaginas heute: kein sterbender Ort

Was zunächst vielleicht überraschen mag: Noch immer bietet das Kraftwerk viele tausend Arbeitsplätze, nämlich für den Rückbau der Anlagen. Viele Menschen haben Visaginas verlassen, und es gibt Leerstand, aber inzwischen ist die Abwanderung gestoppt, siedeln sich neue Unternehmen und locken damit auch Rückkehrer und neue Arbeitnehmer an. Eigentumswohnungen sind für wenige tausend Euro zu haben. Die Bewohner loben das viele Grün, die Ruhe und die nahegelegenen Seen, sprechen gar von einer Waldstadt mit hohem Freizeitwert und Zukunft. Das Kraftwerk wird sogar touristisch genutzt – wo sonst auf der Welt kann man eine Reaktorhalle besichtigen? Die Fernsehserie „Tschernobyl“ hat dieses Interesse zusätzlich befeuert. Erstaunlich finde ich übrigens auch das ausgeprägte Heimatgefühl in der Stadt. Zwar kamen die meisten Bewohner aus anderen Sowjetrepubliken, aber sie haben sich unter litauischer Flagge erstaunlich gut zusammengerauft. Glaubhaft versichern mir beispielsweise belarussisch- oder ukrainischstämmige Bewohnerinnen in akzentfreiem Litauisch, dass sie nicht nur in Visaginas geboren sind, sondern sich in hohem Maße mit der Stadt im Wald und am See identifizieren und sich dort wohlfühlen – vielleicht sogar gerade, weil sie und ihre Eltern die Stadt selbst aufgebaut haben und dort alle gleichermaßen neu sind.

Berthold Forssman

Über den Autor

Dr. Berthold Forssman studierte an den Universitäten Erlangen, Reykjavík und Kiel Skandinavistik (Nordische Philologie), Slawistik und Germanistik und promovierte nach dem Magister in Skandinavistik an der Universität Jena in Indogermanistik über ein Thema zu den baltischen Sprachen. Seit 2002 ist er als freiberuflicher Übersetzer, Journalist und Autor tätig und übersetzt aus den Sprachen Schwedisch, Lettisch, Litauisch, Estnisch und Isländisch in seine Muttersprache Deutsch. Er ist staatlich geprüfter Übersetzer für Schwedisch und Lettisch, staatlich überprüfter Übersetzer für Isländisch, staatlicher Prüfer für Estnisch, Lettisch und Isländisch und vom Landgericht Berlin ermächtigter Übersetzer für Schwedisch, Lettisch, Estnisch und Isländisch. Zur persönlichen Website des Autors gelangen Sie hier!