In Zeiten hitziger ideologischer Debatten wird immer wieder auch die Forderung nach verbaler Abrüstung erhoben. Aber dabei gibt es noch einen weiteren Aspekt, der oft übersehen wird.

Von Dr. Berthold Forssman

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Sprache gehört zu meinem Beruf, aber ich finde die Materie auch persönlich überaus interessant. Ein zentrales Thema ist dabei die richtige Verwendung von Redensarten und ihre Entstehung, denn oft gewähren solche Wendungen spannende Einblicke in alte Zeiten. Erstaunlich viele Redensarten sind allerdings auch militärischen Ursprungs, und oft ist uns das gar nicht mehr bewusst.

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Militärsprache durchdringt unseren Alltag

Sicher kennen viele von uns den Ausdruck „etwas von der Pike auf lernen“, aber sie denken dabei eher an junge Auszubildende als an den alten Spieß der Fußsoldaten. Wer damals ins Hintertreffen geriet, kam zu spät, um noch etwas von der Kriegsbeute abzubekommen, und wer die Flinte ins Korn warf, kapitulierte als Soldat vor einem aussichtslosen Kampf. Diese Redensarten wirken heute harmlos oder witzig. Das gilt auch für diverse andere militärische Begriffe, deren Grundbedeutung uns nicht mehr geläufig ist. Sich ein Scharmützel liefern: Das klingt geradezu niedlich, ebenso ein leichtes Geplänkel – obwohl damit eigentlich eine Kampftechnik mit Dauerbeschuss gemeint ist. Habe ich eine Person auf dem Kieker oder nehme sie ins Fadenkreuz, ziele ich mit einer Waffe auf sie, und wer möchte wirklich in einem Kreuzfeuer landen, selbst wenn es nur von Kritikern kommt? Alles nur 0-8-15? Das war einst die Typenbezeichnung eines Maschinengewehrs.

Es geht noch heftiger

Noch länger ist jedoch die Liste der Beispiele, bei denen man eigentlich auch ohne viel Nachdenken oder historisches Vorwissen merken könnte, was bestimmte Wendungen bedeuten, mit denen man in Politik, Sport und Medien regelrecht bombardiert wird. Etwas ist sowieso schon unter aller Kanone? Müssen wir dann auch noch schwere Geschütze auffahren? Wieso steht der arme Minister unter Dauerbeschuss der Opposition? Er könnte sich doch auch ein heftiges Wortgefecht liefern und seine Gegner aufs Korn nehmen (eigentlich die Zielhilfe einer Schusswaffe), aber wenn er lange genug im Eifer des Gefechts in die Schusslinie geraten ist und ständig vermintes Gelände betritt, mag er vermutlich auch nicht mehr ständig für seine Mitstreiter in die Bresche springen.

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Dies ist auf gar keinen Fall ein Plädoyer für eine weitere Debatte darüber, wie wir unseren täglichen Sprachgebrauch zu gestalten haben. Viele dieser Redensarten sind historisch gewachsen, Teil unseres sprachlichen und damit kulturellen Erbes, können in manchen Fällen zur Variation eingesetzt werden oder einfach auch wie humorvolle Farbtupfer in einer grauen Umgebung wirken. Wenn wir bestimmten Redensarten ihre Herkunft nicht einmal mehr anmerken, werden wir mit Sicherheit auch nicht unsere friedliche Gesinnung steigern, indem wir sie aus unserem aktiven Wortschatz streichen. Aber bei manchen Redewendungen mag es sich ab und zu lohnen zu überlegen, ob sie in einem bestimmten Zusammenhang wirklich noch angebracht oder geschmackvoll sind – oder ob nicht ab und zu auch ein wenig verbale Abrüstung guttäte.

Berthold Forssman

Über den Autor

Dr. Berthold Forssman studierte an den Universitäten Erlangen, Reykjavík und Kiel Skandinavistik (Nordische Philologie), Slawistik und Germanistik und promovierte nach dem Magister in Skandinavistik an der Universität Jena in Indogermanistik über ein Thema zu den baltischen Sprachen. Seit 2002 ist er als freiberuflicher Übersetzer, Journalist und Autor tätig und übersetzt aus den Sprachen Schwedisch, Lettisch, Litauisch, Estnisch und Isländisch in seine Muttersprache Deutsch. Er ist staatlich geprüfter Übersetzer für Schwedisch und Lettisch, staatlich überprüfter Übersetzer für Isländisch, staatlicher Prüfer für Estnisch, Lettisch und Isländisch und vom Landgericht Berlin ermächtigter Übersetzer für Schwedisch, Lettisch, Estnisch und Isländisch. Zur persönlichen Website des Autors gelangen Sie hier!