Texte aus älteren Lehrbüchern lesen sich oft wie absurde Parodien. Heute bemüht man sich dagegen um möglichst viel Praxisnähe und Aktualität. Aber ist das wirklich immer so sinnvoll?

Von Dr. Berthold Forssman

In meinem Lateinlehrbuch für die 5. Klasse stand der wunderbare Satz puellae statuam deae coronis ornant („die Mädchen schmücken das Standbild der Göttin mit Kränzen“). Er zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, dass er nur feminine Substantive der ā-Deklination und ein Verb der ā-Konjugation enthält. Kein Zweifel: Hier wurde vor allem grammatisch gedacht. Auf die Spitze trieb es jedoch mein Altirisch-Lehrbuch mit Sätzen wie a dí rígain, gairthe in fer cosin n-insi („o ihr zwei Königinnen, ihr ruft den Mann zur Insel“) oder sidigthe íasc isind luing do chlaind inna mná („ihr legt einen Fisch in das Schiff zu den Kindern der Frau“). Teilweise bogen wir Studenten uns regelrecht vor Lachen, aber natürlich war uns auch klar, dass der Grund dafür die überaus komplexe altirische Grammatik war.

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Forssman Übersetzer Lehrbücher Tervist Labdien

Mehr Praxisnähe oder zu viel des Guten?

Die 68er-Bewegung forderte gesellschaftliche Relevanz in allen Schul- und Studienfächern, Lernen sollte unterhaltsamer werden, und der Tourismus nahm rasant zu. Das Unterrichtsangebot und der Lehrmittelmarkt tragen dieser veränderten Nachfrage seither Rechnung, werben mit Slogans wie „Schwedisch lernen in 30 Tagen für den Urlaub“, „Schwedisch ohne Mühe und ohne Grammatikpauken“, um bloß nicht etwa den Eindruck zu erwecken, man müsse sich auch mal auf seine vier Buchstaben setzen. Viele Bücher sind heute reich bebildert und bieten lebensnahe Dialoge und praktische Sätze für den Urlaub. Aber diese Entwicklung hat auch ihre Kehrseiten. Wird es doch mal etwas komplizierter, regt sich mitunter Unmut. „Wurde uns denn nicht ‚Lernen ohne Ballast und ohne Mühe‘ versprochen? Warum soll ich Kasusformen und Deklinationen lernen, wo ich doch nur im Urlaub ein Eis bestellen und ein bisschen plaudern möchte? Wie soll ich mich neben all meinem Alltagsstress in meiner knappen Freizeit auch noch auf Unterricht vorbereiten?“, murrt das Volk auf seinem Weg durch die steinige Wüste des Sprachenlernens und betrachtet den gestrengen Dozenten als Hindernis auf dem Weg ins gelobte Land, in dem die Sprache fließt und die Zunge freien Lauf hat. Aber gerade die vermeintlich praxisnahen Sätze können sehr komplizierte Konstruktionen enthalten, die man ohne ausreichende Erklärung zwar auswendig lernen, nicht aber nachvollziehen oder variieren kann. Damit kann ich zwar vielleicht im Urlaub ein Eis bestellen, nicht aber einen Kaffee, weil der einer anderen Deklinationsklasse folgt. Auch gibt es Lernende, die über Sätze wie „wir möchten ein Doppelzimmer mit Blick aufs Meer“, „ich habe eine Reifenpanne“ und „was kostet diese Ansichtskarte?“ hinauswollen. Einmal sagte mir sogar ein Freund, er sei genervt von seinem Französischbuch, weil es nur Bilder von Leuten enthielt, die in Pariser Cafés säßen und Croissants futterten, aber keine Formen erklärt würden.

Veraltete Aktualität

Auch bei der so viel beschworenen Aktualität und gesellschaftlichen Relevanz gibt es diverse Tücken. Fast schon rührend erscheinen Lehrbücher mit Protagonisten in der Kleidung und mit den Frisuren von gestern, mit politischen Debatten von vorgestern oder mit dem sicherlich gutgemeinten Versuch, mit den sich ständig wandelnden Familienbildern und Rollenmodellen Schritt zu halten. Vielleicht interessieren mich die Streiks der Fischer in der Bretagne der siebziger Jahre auch gar nicht so sehr, sondern möchte ich lieber grundsätzlich Stellung zu mir wichtigen Themen in der Fremdsprache beziehen können? Lebendige Dialoge mögen schön und gut sein, aber vielleicht habe ich gar kein Auto und will deshalb auch nicht wissen, was ich möglicherweise sagen könnte, falls ein solches nicht vorhandenes Vehikel in Schweden kaputtgeht? (Komisch, abgesehen davon, dass es immer nur um Autos und nie um Fahrräder geht. Für meine Radtouren hätte ich ganz andere Sätze gebraucht, aber das nur nebenbei.) Vielleicht schreibe ich auch keine Urlaubspostkarten und kreuze auch nicht überraschend in Hotels auf und verlange ein Zimmer mit Blick aufs Meer. Und lernt man allein mit vermeintlich flotter Umgangssprache (die in Wahrheit oft schon wieder veraltet ist), wie man einen komplexen Text oder ein Buch lesen kann – mit dem man dann erst recht seinen Wortschatz über das Croissant-, Reifenpannen- und Doppelzimmer-Niveau hinaus erweitern würde? Denn kenne ich die Struktur einer Sprache, kann ich mir diese Dialoge selbst zurechtlegen – und zwar gemäß meinen eigenen Interessen.

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Das alles zeigt freilich auch, wie schwierig es ist, Lehrbuchtexte zu verfassen. Ich kenne das Problem gleich aus drei Perspektiven: aus der des Lernenden und des Unterrichtenden, aber auch aus der Sicht des Autors. Es ist einfach nicht möglich, Lehrmaterial zu erstellen, das packend, lebensnah und stets brandaktuell ist, die gesamte Umgangs-, Hoch- und Fachsprache abdeckt, alle Konstruktionen erklärt, die komplette Grammatik behandelt, für alle Niveaus, Zielgruppen und Lebenslagen den maßgeschneiderten Wortschatz parat hält und trotzdem knapp und übersichtlich ist. Möglich ist dagegen ein Kompromiss, und für mich bestand er darin, dass jede Lektion sowohl Texte als auch Dialoge enthält, die Texte einigermaßen zeitlos sein sollen, aber dafür umso schneller zum Lesen von Originaltexten befähigen. Und auch die Grammatik lässt sich Schritt für Schritt und ohne kranzgeschmückte Standbilder und Königinnen auf Inseln einführen. So feiert in meinem Lettisch-Lehrbuch „Labdien!“ ein Mädchen seinen Geburtstag nur mit dem Vater und der Schwester, weil Mütter und Brüder nach weiteren Deklinationen gehen, die erst später behandelt werden. Und in meinem Estnisch-Lehrbuch „Tervist!“ hat man anfangs zwar wenig Zeit und Geld, aber dafür aber auch noch keine Probleme – denn die kommen erst später dran.
Aber ganz abgesehen davon: Sprachenlernen kann wirklich Spaß machen, und ich hatte auch schon Schüler, die tatsächlich ohne zu murren in 30 Tagen Intensivkurs die wesentlichen Züge einer Sprache gelernt haben.
Und zu dem Thema erzähle ich gerne ein andermal mehr!

Berthold Forssman

Über den Autor

Dr. Berthold Forssman studierte an den Universitäten Erlangen, Reykjavík und Kiel Skandinavistik (Nordische Philologie), Slawistik und Germanistik und promovierte nach dem Magister in Skandinavistik an der Universität Jena in Indogermanistik über ein Thema zu den baltischen Sprachen. Seit 2002 ist er als freiberuflicher Übersetzer, Journalist und Autor tätig und übersetzt aus den Sprachen Schwedisch, Lettisch, Litauisch, Estnisch und Isländisch in seine Muttersprache Deutsch. Er ist staatlich geprüfter Übersetzer für Schwedisch und Lettisch, staatlich überprüfter Übersetzer für Isländisch, staatlicher Prüfer für Estnisch, Lettisch und Isländisch und vom Landgericht Berlin ermächtigter Übersetzer für Schwedisch, Lettisch, Estnisch und Isländisch. Zur persönlichen Website des Autors gelangen Sie hier!