Was genau ist eigentlich ein Substantiv, was ein Verb? Die Frage ist weder dumm, noch ist sie so einfach zu beantworten, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheinen mag.

Von Dr. Berthold Forssman

Meine Dissertation trägt den Titel „Das baltische Adverb“. Im Unterschied zu vielen anderen wissenschaftlichen Arbeiten sind die Bestandteile dieser Überschrift relativ bekannt, und über den Begriff „Baltisch“ habe ich in diesem Blog bereits gesprochen. Aber was genau ist eigentlich ein Adverb? Während ich mich mit dieser Frage auseinandersetzte, landete ich bei einem überaus spannenden und nach wie vor aktuellen Thema, nämlich der Einteilung der Wortarten.

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Was genau ist eigentlich ein Substantiv?

Spontan haben die meisten von uns sicherlich eine mehr oder weniger bestimmte Vorstellung davon, was beispielsweise ein Substantiv oder ein Verb ist. Aber bei der Frage nach einer genaueren Definition kommen Zweifel auf. Nicht alle Substantive bezeichnen Gegenstände, nicht alle Verben eine Tätigkeit. Mit der Semantik, d.h. auf der inhaltlichen Ebene, kommen wir also nicht wirklich weiter. Was die Morphologie betrifft (d.h. das, was wir im Allgemeinen als „Grammatik“ bezeichnen), so gibt es auch Sprachen, die wenig oder gar nicht flektieren, die unflektierbaren Wörter können damit nicht weiter unterteilt werden, und Wörter wie englisch „rain“ oder „talk“ können je nach Umgebung ein Substantiv oder ein Verb sein. Dann müssten wir die Unterteilung nach syntaktischen Merkmalen vornehmen, also anhand der Regeln des Satzbaus.

Eine Wortart hat also meistens nicht nur ein Merkmal, sondern mehrere. Was aber ist, wenn aus diesem Bündel eine der Eigenschaften fehlt oder eine hinzukommt, die dieses Wort besonders auszeichnet? Ist es dann noch ein echtes „Substantiv“ oder „Verb“? Und wo ziehen wir die Grenze? Ab wann hört ein Wort auf, ein Substantiv zu sein? Und können Wörter tatsächlich zu zwei Klassen gleichermaßen gehören? Was machen wir mit deutsch „das Gute im Menschen“ oder „mein zweites Ich“? Ist „gut“ denn nicht eigentlich ein Adjektiv und „ich“ ein Pronomen? Mit „Substantivierung“ beschreiben wir das Problem, lösen es aber nicht. Der „Junge“ war einst der „junge Mann“. Der Mann entfiel, und so wurde das Adjektiv zum vollwertigen Substantiv. Auch den „Erwachsenen“ ordnen wir ohne zu zögern bei den Substantiven ein, obwohl es das Verb „erwachsen“ gibt und das Partizip als Adjektiv verwendet wird („er ist erwachsen geworden“).

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Grenzfälle und Ausnahmen

Warum beschäftigt man sich überhaupt mit solchen Fragen? Immerhin gibt es Wörterbücher, Grammatiken und Lehrbücher für den Sprachunterricht, die mit irgendwelchen Begriffen arbeiten müssen. Aber natürlich ist das alles auch kein Grund zum Verzweifeln oder um alles bislang Gelernte komplett in Frage zu stellen – wir dürfen also auch in Zukunft getrost „Substantiv“ oder „Verb“ sagen. Aber wieder einmal zeigt sich: Sprache ist nicht nur unser alltäglichstes Gut, sondern birgt viele Überraschungen. Und ab und zu lohnt es, auch scheinbar Selbstverständliches (Achtung: substantiviertes Adjektiv!) zu hinterfragen und seinen Horizont wieder ein bisschen zu erweitern.

Berthold Forssman

Über den Autor

Dr. Berthold Forssman studierte an den Universitäten Erlangen, Reykjavík und Kiel Skandinavistik (Nordische Philologie), Slawistik und Germanistik und promovierte nach dem Magister in Skandinavistik an der Universität Jena in Indogermanistik über ein Thema zu den baltischen Sprachen. Seit 2002 ist er als freiberuflicher Übersetzer, Journalist und Autor tätig und übersetzt aus den Sprachen Schwedisch, Lettisch, Litauisch, Estnisch und Isländisch in seine Muttersprache Deutsch. Er ist staatlich geprüfter Übersetzer für Schwedisch und Lettisch, staatlich überprüfter Übersetzer für Isländisch, staatlicher Prüfer für Estnisch, Lettisch und Isländisch und vom Landgericht Berlin ermächtigter Übersetzer für Schwedisch, Lettisch, Estnisch und Isländisch. Zur persönlichen Website des Autors gelangen Sie hier!