Über die alten Germanen ist nach wie vor wenig bekannt – und das gilt auch für ihre Religion.
Immer wieder höre ich Sätze wie „die alten Germanen glaubten an/dass …“ oder „das glaubten die alten Germanen“. Allerdings habe ich dann auch ein paar Gegenfragen parat, und dazu gehört: Woher wissen wir das denn? Gewiss, es gibt Quellen, und einige davon geben durchaus Hinweise auf alte Gottheiten. Aber das schriftliche Material ist dürftig, und es wurde in den meisten Fällen nicht von Leuten verfasst, die einen wie auch immer gearteten Glauben noch praktizierten oder transportierten.


Religion und Glaube
Der Begriff „Religion“ umfasst höchst unterschiedliche Aspekte. Dazu gehören können die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, feste Riten und Bräuche, ethische Vorschriften und Verbote, aber auch Jenseitsvorstellungen und Spiritualität. Den Begriff „Glaube“ finde ich besonders schwierig. Man kann formell einer Religion angehören, bestimmte Riten praktizieren und sein Verhalten an einem ethischen Modell orientieren, ohne aber darüber hinaus an etwas zwischen Himmel und Erde zu „glauben“. Wir können keine Gedanken lesen – wie also wollen wir wissen, was jemand glaubt? Erst recht, wenn die Betreffenden längst tot sind und nichts oder – wie die alten Germanen – nur wenig Schriftliches hinterlassen haben?
Die alten Griechen und Römer machen es uns eigentlich recht einfach, wenn wir uns für ihre Religion interessieren: Wir wissen ziemlich viel über ihren umfangreichen Götterhimmel, einschließlich der Verwandtschaftsgrade und Zuständigkeitsbereiche der einzelnen Gottheiten. Aber auch hier hat die Sache mindestens einen Haken: Wussten die einfachen Leute damals wirklich um all diese komplizierten Stammbäume, kannten sie alle unehelichen Kinder von Göttervater Zeus und – glaubten sie das alles oder glaubten sie vielleicht etwas ganz anderes? Oder am Ende gar nichts?


Heidentum und Volksglaube
Das germanische Heidentum war keine in feste Formen gegossene Buchreligion und damit einem ständigen Wandel unterworfen. Götter, mögliche Jenseits-Vorstellungen und religiöse Riten waren im 5. Jahrhundert vor Christus im heutigen Dänemark sicherlich nicht dieselben wie im 5. Jahrhundert nach Christus, also rund 1.000 Jahre später, in den heutigen Niederlanden. Auch wurde zu den Germanen lange nur wenig geforscht, oder man nutzte sie als Projektionsfläche. Das Wort „Aberglaube“ hat oft etwas Abfälliges: Die Aufklärung verwendete ihn für alles, was sich nicht wissenschaftlich beweisen ließ, oder man bezeichnet damit alles, was nicht in Einklang mit einer bestimmten Lehre steht. Passender finde ich das Wort „Volksglaube“, und tatsächlich – hier werden wir leicht fündig. Es gibt sogar ein mehrbändiges „Handbuch des deutschen Aberglaubens“, und es lässt sich nicht ausschließen, dass heidnische germanische Elemente in irgendeiner Form weitertransportiert wurden. Allerdings können wir das im Einzelnen nicht beweisen und daraus keine geschlossene germanische Religion rekonstruieren. Sollte man außerdem nicht lieber die vorhandenen Quellen genauer auswerten, die einen höheren Wahrscheinlichkeitsgrad aufweisen? Und abgesehen davon: Was die Germanen am Ende wirklich glaubten, werden wir wohl nie erfahren und können es auch gar nicht.
Aber ich merke schon: Sicher werde ich zu einem späteren Zeitpunkt mehr zu diesem Thema schreiben!
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Über den Autor
Dr. Berthold Forssman studierte an den Universitäten Erlangen, Reykjavík und Kiel Skandinavistik (Nordische Philologie), Slawistik und Germanistik und promovierte nach dem Magister in Skandinavistik an der Universität Jena in Indogermanistik über ein Thema zu den baltischen Sprachen. Seit 2002 ist er als freiberuflicher Übersetzer, Journalist und Autor tätig und übersetzt aus den Sprachen Schwedisch, Lettisch, Litauisch, Estnisch und Isländisch in seine Muttersprache Deutsch. Er ist staatlich geprüfter Übersetzer für Schwedisch und Lettisch, staatlich überprüfter Übersetzer für Isländisch, staatlicher Prüfer für Estnisch, Lettisch und Isländisch und vom Landgericht Berlin ermächtigter Übersetzer für Schwedisch, Lettisch, Estnisch und Isländisch. Zur persönlichen Website des Autors gelangen Sie hier!