Hand aufs Herz – wer kann mit dem Begriff „Livland“ wirklich etwas anfangen? Und wer davon weiß außerdem, woher diese Region ihren Namen hat?

Von Dr. Berthold Forssman

In Berlin gibt es die eher kleine Livländische Straße, außerdem kennen Geschichtsexperten und –interessierte vielleicht den Livländischen Krieg, der im 16. Jahrhundert im östlichen Ostseeraum tobte. Aber wer könnte dieses Livland geografisch wirklich genau zuordnen? Abgesehen davon ist das auch gar nicht so einfach!

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Die Liven

Namensgeber für Livland ist das Volk der Liven. Ihre Sprache gehört zum ostseefinnischen Zweig der finnisch-ugrischen Sprachen, ist also mit Finnisch und Estnisch verwandt. Im 12. Jahrhundert werden sie zum ersten Mal in einer Chronik erwähnt. Damals siedelten sie rings um den Rigaer Meerbusen, gehörten also zu den „Ureinwohnern“ des heutigen Lettland. Ihre Nachbarn waren baltische Stämme, aus denen später die Letten hervorgingen. Ab dem 13. Jahrhundert wurde die Region von den Kreuzrittern des Deutschen Ordens erobert. Diese kümmerten sich wenig um die Nationalität der Bewohner des Gebiets und übertrugen den Namen „Livland“ auf das heutige Südestland und Nordostlettland, obwohl dort keineswegs nur Liven lebten. Heute wird der lettische Landesteil „Vidzeme“ manchmal als „Livland“ bezeichnet, obwohl er nicht dem einstigen Siedlungsgebiet der Liven und auch nicht dem historischen Livland entspricht.

In den folgenden Jahrhunderten wurde das Livische immer mehr vom Lettischen verdrängt, und das Gebiet, in dem Livisch gesprochen wurde, schrumpfte auf einige wenige Dörfer an der Nordspitze Kurlands in der Nähe von Kolka. Inzwischen kämpft die Sprache um ihr Überleben, wird sogar immer wieder als bereits ausgestorben bezeichnet. Aber mehrere Vereine und auch der lettische Staat fördern inzwischen das Livische, darunter mit Sprachkursen und Sommerlagern für Kinder und Erwachsene. Da werden traditionelle Feiern begangen, aber auch Lieder gelernt und sogar Theaterstücke eingeübt.

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Lettisch und Livisch

Das finnisch-ugrische und damit nicht-indogermanische Livische ist im Lauf der Zeit stark vom Lettischen beeinflusst worden, einer baltischen und damit indogermanischen Sprache. Aber auch das Lettische ist stark vom Livischen geprägt worden. Für manche Letten, Baltisten und andere Interessierte ist das Livische somit der Schlüssel für diverse sprachliche Phänomen des Lettischen. Wer sowohl Lettisch als auch Estnisch spricht, erkennt im Livischen viel wieder und kann es relativ leicht durchschauen – und freut sich sicher ganz besonders, wenn es allen Befürchtungen zum Trotz doch nicht so bald vollständig ausstirbt.

Berthold Forssman

Über den Autor

Dr. Berthold Forssman studierte an den Universitäten Erlangen, Reykjavík und Kiel Skandinavistik (Nordische Philologie), Slawistik und Germanistik und promovierte nach dem Magister in Skandinavistik an der Universität Jena in Indogermanistik über ein Thema zu den baltischen Sprachen. Seit 2002 ist er als freiberuflicher Übersetzer, Journalist und Autor tätig und übersetzt aus den Sprachen Schwedisch, Lettisch, Litauisch, Estnisch und Isländisch in seine Muttersprache Deutsch. Er ist staatlich geprüfter Übersetzer für Schwedisch und Lettisch, staatlich überprüfter Übersetzer für Isländisch, staatlicher Prüfer für Estnisch, Lettisch und Isländisch und vom Landgericht Berlin ermächtigter Übersetzer für Schwedisch, Lettisch, Estnisch und Isländisch. Zur persönlichen Website des Autors gelangen Sie hier!