Ich war schon öfter mit dem Aufnahmegerät unterwegs, um Beiträge für das Radio zu produzieren. Aber eine Reportagereise mit einem Fernsehteam durch das Baltikum war noch mal eine ganz andere Erfahrung.

Von Dr. Berthold Forssman

Es gibt Fragen, die man wahrlich nicht alle Tage bekommt, jedenfalls nicht ich. „Unser Fernsehsender plant einen Dokumentarfilm über die baltischen Staaten, und wir wollten uns erkundigen, ob Sie uns dabei unterstützen und auf die Reise begleiten würden“, las ich in einer Mail. Auf meine Frage, wie man denn auf mich gestoßen sei, hieß es lediglich, man habe mich „im Internet gefunden“. Irgendwie ja auch ganz nett: Ich muss nur da sein, und man tritt auf mich zu. Ich ließ mir die Sache durch den Kopf gehen. Das Projekt klang enorm herausfordernd, aber auch verlockend – und nach ein paar weiteren Gesprächen und Verhandlungen sagte ich zu.

Forssman Übersetzer Lettland Riga Blick von Petrikirche
Forssman Übersetzer Tallinn Patkuli

Nicht vor, sondern hinter der Kamera

In vielen Punkten konnte ich auf frühere Erfahrungen zurückgreifen. Als ebenso praktisch wie erfreulich erwies sich mein vorhandenes und sorgsam geknüpftes Kontaktnetz. Estland, Lettland und Litauen sind relativ kleine Länder – es kennt immer jemand, der jemanden kennt … Nur muss man den ersten „jemand“ kennen. Oft erinnerten sich die Leute an mich, und das auch noch gerne. Und sagten dann sogar: „Eigentlich habe ich überhaupt keine Zeit, aber wenn Sie es sind – dann würde ich ein Interview geben.“ Das empfand ich als Kompliment – und schwuppdiewupp stand ich auch auf der Gästeliste für einen Empfang beim Staatspräsidenten aus Anlass des Staatsfeiertags.

Bei den Radioprojekten war die Technik zwar alles andere als einfach oder zu vernachlässigen, aber beim Fernsehen ist dann zwangsläufig noch ein Kameramann dabei. Mindestens. Der braucht geeignete Lichtverhältnisse und / oder die passende Beleuchtung. Wie bei allen Aufnahmen sollte keine Baustelle direkt daneben sein. Den Interviewpartnerinnen und -partnern müssen Mikros angesteckt werden – und dazu muss man ihnen im wahrsten Sinne des Wortes an die Wäsche gehen. Alle diese Dinge wollen vorbereitet und begleitet sein. Noch mal anders sieht es bei spontanen Interviews oder Aufnahmen auf offener Straße aus. Es ist durchaus eine Kunst, potentiell geeignete (und hoffentlich auskunftsfreudige) Leute zu ermitteln, sie anzusprechen und sie dann auch noch dazu zu bringen, in die Kamera zu sprechen – und das möglichst auch noch ohne allzu große Scheu und so, dass man mit den Aufnahmen hinterher etwas anfangen kann.

Forssman Übersetzer Parlament Riigikogu Tallinn
Forssman Übersetzer Kersti Kaljulaid

Input ohne ohne Ende

Das Ganze hatte für mich etwas von „Baltikum in drei Wochen“: Fast jede Nacht woanders, also ständig aus- und einpacken, keine freien Tage, sondern immer im Dienst. Schließlich gab es immer auch die Nachbearbeitung von Interviews, das Festzurren von Terminen, die Planungen für den nächsten Tag. Kaum hatte ich mich an eine Sprache gewöhnt, musste ich den Schalter umlegen. Besonders seltsam fand ich das, als ich in Valga, einer zwischen Estland und Lettland geteilten Stadt, ständig zwischen Estnisch und Lettisch hin und her wechseln musste – zwei Sprachen, die so eng miteinander verwandt sind wie Deutsch und Türkisch, nämlich überhaupt nicht.
Und sonst? Ich habe Präsidentenpalais und Parlamente von innen gesehen und mit ehemaligen und amtierenden Staatsleuten sowie mit Zeitzeugen gesprochen, ich war an Orten, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind wie die unmittelbare Grenzzone zu Russland – aber vor allem habe ich so viel wunderbares Material gesammelt, dass man damit noch locker 30 Sendungen füllen könnte.

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Berthold Forssman

Über den Autor

Dr. Berthold Forssman studierte an den Universitäten Erlangen, Reykjavík und Kiel Skandinavistik (Nordische Philologie), Slawistik und Germanistik und promovierte nach dem Magister in Skandinavistik an der Universität Jena in Indogermanistik über ein Thema zu den baltischen Sprachen. Seit 2002 ist er als freiberuflicher Übersetzer, Journalist und Autor tätig. Er ist staatlich geprüfter Übersetzer und Prüfer und vom Landgericht Berlin ermächtigter Übersetzer für Schwedisch, Lettisch, Litauisch, Estnisch und Isländisch. Zur persönlichen Website des Autors gelangen Sie hier!