Viele deutsche Wörter empfinden wir als hoffnungslos veraltet, und trotzdem halten sie sich beharrlich am Leben. Andere Wörter verschwinden dagegen sang- und klanglos aus unserem Alltag. Aber heißt das wirklich, dass sie „aussterben“?
Zu den häufigsten Ursachen für das Verschwinden von Wörtern gehört, dass ihnen die Grundlage abhanden kommt. Zusammen mit den Gegenständen, die wir nicht mehr verwenden, oder mit Tätigkeiten, die uns nicht mehr geläufig sind, geraten sie zunehmend in Vergessenheit. Da ist es nicht weiter erstaunlich, dass darunter viele Begriffe aus der Landwirtschaft sind. Oder aber es sind Begriffe zur Beschreibung von Tätigkeiten, die früher von relativ vielen Menschen von Hand verrichtet wurden, heute jedoch von Maschinen erledigt werden – man denke zum Beispiel an die Verarbeitung von Flachs und Wolle. Nach der Übersetzung des Romans „Straumēni“ von Edvarts Virza aus dem Lettischen über das ländliche Leben im Lettland des 19. Jahrhundert kann ich ein Lied von solchen Wörtern singen!


Totgesagte leben länger – oder doch nicht?
Das muss jedoch keineswegs bedeuten, dass sie vollständig verschwinden, denn nicht wenige davon finden eine Nische, in der sie weiterexistieren. Dazu können das Spezial- oder das Kunsthandwerk gehören, aber auch die bewusste Anwendung oder Wiederbelebung alter Techniken. Abgesehen davon: „Spinnen“ war früher nicht nur unverzichtbar für die Herstellung von Kleidung, sondern kann noch heute ein echtes Hobby sein – und in seiner neuen Bedeutung „Verrücktsein“ ist es alles andere als auf dem Rückzug. Vielleicht wäre auch „toll“ im Schwinden, wenn es noch „verrückt“ bedeuten würde? Oder wäre nur noch in der Zusammensetzung „Tollhaus“ lebendig? Als „großartig“ ist es jedenfalls Teil unseres alltäglichen Wortschatzes.
Spannend finde ich es, wenn für neue Tätigkeiten, Aufgaben oder Begriffe auf alte Wörter zurückgegriffen wird – die Isländer sind wahre Meister in dieser Kunst. Wer von uns hätte gewusst, dass eine „Schaffnerin“ früher eine Gutsverwalterin war? In dieser Funktion kennen wir sie nicht mehr, dafür aus dem Eisenbahnwesen – falls sie dort nicht eines Tages von der „Zugbegleiterin“ verdrängt wird. Das Wort „Maut“ fristete lange ein Schattendasein, ist aber heute wieder ein geläufiger Begriff für eine Straßenbenutzungsgebühr.


Veraltete Jugendsprache
Übrigens schätze ich den Ausdruck „Aussterben” nicht, wenn es um Wörter geht. Zum einen ist er eigentlich für die Biologie reserviert, zum anderen: Nach welchen Kriterien will man denn festlegen, wann ein Wort tatsächlich mausetot und für alle Zeiten verschwunden ist? Stattdessen spreche ich lieber von „seltenen Wörtern”. Einmal las ich den Begriff „veraltete Jugendsprache” und fand ihn auf Anhieb wunderbar – erstens wegen der Formulierung als solche und zweitens, weil Jugend- und Modewörter oft deutlich kurzlebiger sind als die vermeintlich altmodischen „aussterbenden“ Begriffe. Wer sagt heute noch „pfundig”, „astrein”, „heiße Scheiben”, „Pinkepinke”, „schwofen” oder „hotten”? Dabei gab es Zeiten, in denen diese Wörter durchaus „in” waren – und sei es nur, um „cool“ zu wirken oder die ältere Generation zu ärgern.
Siehe hierzu auch:
Wie schreibt man ein Wörterbuch – und warum?
Internationalismen: Wie universell sind sie wirklich?
Was macht ein Wörterbuch aus?
Island und seine puristische Sprachpolitik: inspirierend und witzig zugleich

Über den Autor
Dr. Berthold Forssman studierte an den Universitäten Erlangen, Reykjavík und Kiel Skandinavistik (Nordische Philologie), Slawistik und Germanistik und promovierte nach dem Magister in Skandinavistik an der Universität Jena in Indogermanistik über ein Thema zu den baltischen Sprachen. Seit 2002 ist er als freiberuflicher Übersetzer, Journalist und Autor tätig und übersetzt aus den Sprachen Schwedisch, Lettisch, Litauisch, Estnisch und Isländisch in seine Muttersprache Deutsch. Er ist staatlich geprüfter Übersetzer für Schwedisch und Lettisch, staatlich überprüfter Übersetzer für Isländisch, staatlicher Prüfer für Estnisch, Lettisch und Isländisch und vom Landgericht Berlin ermächtigter Übersetzer für Schwedisch, Lettisch, Estnisch und Isländisch. Zur persönlichen Website des Autors gelangen Sie hier!