Die Grammatik einer Sprache verändert sich mitunter nur langsam. Ganz anders sieht es beim Wortschatz aus: Hier ist durch den Bedeutungswandel alles ständig in Bewegung.
Kommt das Thema „Sprachwandel“ auf, wird oft geklagt, dass es um das Deutsche immer schlechter bestellt ist. Auch sind meistens die Schuldigen schnell ausgemacht, zum Beispiel Mängel im Bildungswesen, Bequemlichkeit, zu viele Fremdwörter oder Anglizismen. Tatsächlich befinden sich Sprachen in einem ständigen Wandel, der zwar von oben verordnet werden kann, sich aber meistens unbemerkt vollzieht und dabei keinen Regeln oder Prognosen folgt. Allerdings verändern sich Aspekte wie Grammatik und Aussprache in der Regel langsamer und seltener, während sich der Wortschatz ständig wandelt – durch die Aufnahme neuer Wörter, das Verschwinden von Begriffen oder weil Wörter, zwar erhalten bleiben, aber eine neue Bedeutung annehmen.


Zu den Pflichtfächern in meinem Germanistikstudium gehörte das Mittelhochdeutsche, die Vorläuferstufe des heutigen Deutschen bis etwa 1350. Die Grammatik war insgesamt umfangreicher, die Lautung eine etwas andere, aber beides war relativ leicht im Vergleich zu anderen „alten“ Sprachen zu erlernen, die zum Pensum meiner anderen Fächer gehörten. Tückisch war dagegen der Wortschatz: Man konnte lange Passagen durchlesen und vermeintlich verstehen, nur um dann festzustellen, dass man eigentlich nichts verstanden hatte.
Einer der Gründe sind die Umwälzungen in der Gesellschaft, die sich seit dem deutschen Hochmittelalter mit seinen feudalen Strukturen ereignet haben. Die mittelhochdeutsche vrouwe war noch eine edle Dame und keine ”Frau” im heutigen Sinne. War eine Frau verheiratet, war sie ein wîp, was wir zwar noch aus dem ”Ehe-weib” kennen (vergleiche auch englisch wife), heute aber eher abwertend verwenden. Viele Begriffe aus dem Lehenswesen und dem ritterlichen Ehren- und Verhaltenskodex sind uns heute fremd, weil wir die Sachverhalte nicht mehr kennen. Es gibt keine Leibeigenen mehr, die Mehrheit der Deutschen lebt inzwischen in Städten, und das Gesinde von damals geht heute anderen Berufen nach.


Geht es noch ein bisschen drastischer?
Einen besonders reizvollen Aspekt finde ich, dass Umgangssprache generell zu plastischen Ausdrücken neigt, die gerne immer noch ein bisschen drastischer als früher sein dürfen. Wir finden Dinge ”toll” oder sagen ”irre” gut, auch wenn niemand und nichts verrückt ist. Und so geht das immer weiter – und so war es wohl auch schon immer. Das urgermanische Wort *sairaz bedeutete ursprünglich ”krank” und ist vor ca. 2000 Jahren als sairas ins Finnische entlehnt worden, wo es bis heute ”krank” bedeutet. Im Deutschen hat sich daraus ein ”sehr-” entwickelt, das noch in ”ver-sehr-en” (also eigentlich ”krank machen”) enthalten ist. Ob sich schon im Mittelalter die Angehörigen der älteren Generation über die verwahrloste Sprache der jungen Leute ärgerten, weil diese etwas ”krank gut” fanden?
Siehe auch:
Aussterbende Wörter – ein passender Begriff?
Verbal abrüsten – mal ganz anders!
Falsche Freunde – von lustig bis tückisch
Hansedeutsch: die einstige Lingua franca im Ostseeraum

Über den Autor
Dr. Berthold Forssman studierte an den Universitäten Erlangen, Reykjavík und Kiel Skandinavistik (Nordische Philologie), Slawistik und Germanistik und promovierte nach dem Magister in Skandinavistik an der Universität Jena in Indogermanistik über ein Thema zu den baltischen Sprachen. Seit 2002 ist er als freiberuflicher Übersetzer, Journalist und Autor tätig und übersetzt aus den Sprachen Schwedisch, Lettisch, Litauisch, Estnisch und Isländisch in seine Muttersprache Deutsch. Er ist staatlich geprüfter Übersetzer für Schwedisch und Lettisch, staatlich überprüfter Übersetzer für Isländisch, staatlicher Prüfer für Estnisch, Lettisch und Isländisch und vom Landgericht Berlin ermächtigter Übersetzer für Schwedisch, Lettisch, Estnisch und Isländisch. Zur persönlichen Website des Autors gelangen Sie hier!