Der lettische Autor Anšlavs Eglītis (1906-1993) hat ein ebenso umfangreiches wie lesenswertes Werk hinterlassen und gilt als Meister des Humor. Aber auch seine Biografie ist überaus interessant – und spiegelt sich teilweise in seinem Roman „Schwäbisches Capriccio“ wider.
Bei meinem ersten Besuch in Riga wies mich eine Freundin in einer Buchhandlung auf einen neu erschienenen Roman hin: Es war „Homo novus“ von Anšlavs Eglītis. Das Buch gefiel mir von der ersten Zeile an, ich war sofort mitten in der Handlung – und musste immer wieder herzhaft lachen. Erstaunt erfuhr ich, dass der – später von mir übersetzte – Roman eigentlich aus den 1940er Jahren stammte. 1944, während des Zweiten Weltkriegs, wurde er kapitelweise in einer Zeitschrift veröffentlicht, die parallel zum Vorrücken der Roten Armee ihr Erscheinen einstellen musste. Wie das Buch ausging, erfuhren nur Leser an der lettischen Westküste.


Flucht und Exil
Kurz vor Kriegsende floh Eglītis mit seiner Frau aus Riga und gelangte schließlich nach Berlin. Das Paar kam zuerst bei Bekannten in der Uhlandstraße 106 unter, wurde dort aber ausgebombt und strandete schließlich für mehrere Jahre im schwäbischen Tailfingen, heute ein Teil von Albstadt. Über die dort verbrachte Zeit schrieb Eglītis den Roman „Schwäbisches Capriccio“, eine köstliche Schilderung einer ihm völlig fremden Welt. Davon erfuhren die Tailfinger freilich lange nichts, denn das Buch erschien in einem lettischen Exil-Verlag in den USA. Umso größer war die Überraschung, als ich die Übersetzung für den Berliner Guggolz Verlag abgeschlossen hatte und auf Einladung der Stadt voller Stolz bei einer Lesung präsentieren durfte.
Ein ganzer Saal war bis zum letzten Platz gefüllt, und im Anschluss an die Lesung erzählten Anwesende, sie hätten manche der Geschichten wiedererkannt. Ein Herr zeigte mir sogar stolz das Bild seiner Großmutter, die Eglītis als Vorbild für die Figur der „schönen Melusine“ gedient hatte. Ich wusste, unter welcher Adresse Eglītis in Tailfingen gelebt hatte, und hatte auf gut Glück die heutigen Bewohner angeschrieben. Diese hatten das Haus erst viele Jahre nach dem Krieg gekauft und natürlich keine Ahnung davon gehabt, dass im Erdgeschoss jahrelang ein lettischer Schriftsteller mit seiner Frau gelebt hatte. Sie luden mich herzlich zu sich nach Hause ein und zeigten mir anschließend die Stadt und die Schauplätze der Romanhandlung, darunter die Stelle, von der aus der Protagonist Pēteris Drusts an einem klaren Tag begeistert in der weiten Ferne die Alpen erblickt.


Fiktion und Wirklichkeit
Das „Schwäbische Capriccio“ trägt deutliche autobiografische Züge des Autors, aber Eglītis war keiner historischen Wahrheit verpflichtet. Das machte das Übersetzen immer wieder zur Herausforderung, denn nicht immer war der lettische Text eindeutig, und es half auch nicht weiter, die Stellen mit der Wirklichkeit abzugleichen. Auch war ich nie zuvor in Albstadt gewesen, und Bilder sind heutzutage zwar schnell gefunden, doch am Ende war ich in manchen Fällen überrascht, wie es dort wirklich aussah. Aber im lokalen Maschenmuseum fühlte ich mich bestätigt, was die Schilderung der lokalen Textilindustrie betrifft. Und eines kann ich bestätigen: In der Region tragen tatsächlich viele Leute den Namen „Bitzer“.
Lesen Sie auch:
Lettland nach der Stunde Null
Ein lettisches Sommermärchen
Rigas Freilichtmuseum: auf den Spuren von Straumēni

Über den Autor
Dr. Berthold Forssman studierte an den Universitäten Erlangen, Reykjavík und Kiel Skandinavistik (Nordische Philologie), Slawistik und Germanistik und promovierte nach dem Magister in Skandinavistik an der Universität Jena in Indogermanistik über ein Thema zu den baltischen Sprachen. Seit 2002 ist er als freiberuflicher Übersetzer, Journalist und Autor tätig und übersetzt aus den Sprachen Schwedisch, Lettisch, Litauisch, Estnisch und Isländisch in seine Muttersprache Deutsch. Er ist staatlich geprüfter Übersetzer für Schwedisch und Lettisch, staatlich überprüfter Übersetzer für Isländisch, staatlicher Prüfer für Estnisch, Lettisch und Isländisch und vom Landgericht Berlin ermächtigter Übersetzer für Schwedisch, Lettisch, Estnisch und Isländisch. Zur persönlichen Website des Autors gelangen Sie hier!