Der lettische Autor Anšlavs Eglītis (1906-1993) hat den Großteil seines Lebens im Exil verbracht. Leider ist sein Werk auch deshalb bis heute nicht vollumfänglich erschlossen.
Als ich den Roman „Homo novus“ von Anšlavs Eglītis aus dem Lettischen ins Deutsche übersetzte, erfuhr ich zu meiner Überraschung, dass der Autor auch eine Zeit lang in Berlin gelebt hatte – und in der 2005 über ihn erschienenen Biografie wurde sogar die Adresse genannt. Freilich gibt es die Wohnung in der Uhlandstraße 106 nicht mehr, denn das Haus wurde bei einem Bombenangriff 1945 zerstört und nach dem Krieg durch einen Neubau ersetzt. Eglītis verbrachte daraufhin mehrere Jahre im schwäbischen Tailfingen, bis ihm 1950 die Emigration in die USA gelang. Ob er damals schon ahnte, dass er Lettland nie wieder sehen würde?


Späte Wiederentdeckung
Die Zeit in Tailfingen verarbeitete Eglītis in seinem Roman „Schwäbisches Capriccio“ doch konnte das Buch erst 1951 in einem amerikanischen Exil-Verlag erscheinen. 1952 folgte dort der Roman „Laimīgie“ (Die Glücklichen), das vom Schicksal lettischer Flüchtlinge erzählt, die in einem Lager in Esslingen auf ihre Weiterreise in die USA warten. Vor seiner Flucht hatte Eglītis in Lettland noch wenig veröffentlicht, und in der Sowjetzeit verschwanden seine Bücher aus den Buchläden und Bibliotheken. Alle späteren Bücher erschienen ausschließlich in den USA, darunter „Cilvēks no Mēness” (Der Mensch vom Mond) oder „Nav tak dzimtene” (Es ist doch nicht die Heimat), die vom Leben lettischer Exilanten in Amerika erzählen. Lesern in Lettland waren diese Bücher natürlich nicht zugänglich.
Das änderte sich mit der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Anfang der 1990er Jahre. Der „Homo novus“, der in Lettland kurz vor dem Kriegsende nur kapitelweise in einer Zeitschrift erschienen war, wurde neu veröffentlicht, ebenso der Roman „Die Brautjäger“. Ich erinnere mich noch, wie mir ein lettischer Freund erzählte, wie überrascht er gewesen sei, als ein Klassiker quasi aus dem Nichts auftauchte, von dem er noch nie etwas gehört hatte.


Ein Hauch von Tragik
Anšlavs Eglītis konnte das Erscheinen seiner Bücher in Lettland noch aus dem fernen Kalifornien erleben, aber er war gesundheitlich nicht mehr in der Lage, eine Reise nach Europa anzutreten, und starb 1993 im Exil. Danach erlahmte das Interesse an seinem Werk, und viele seiner Bücher liegen bis heute nur in den amerikanischen Ausgaben vor, und die antiquarischen Exemplare sind in Europa schwer erhältlich. Noch immer denke ich gerührt daran zurück, wie mir eine ältere Dame aus den USA schrieb, die von meiner Übersetzung des „Homo novus“ erfahren hatte. Sie betrieb den Büchertisch der lettischen Gemeinde in New York und schickte mir ein ganzes Eglītis-Paket – in dem sich unter anderem das „Švābu kapričo“ (Schwäbisches Capriccio) befand, das ich später ebenfalls übersetzen durfte. Es hat etwas Tragisches, dass sich Eglītis wie so viele andere Exil-Autoren zu Lebzeiten nicht angemessen entfalten konnte und auch nicht die Würdigung bekam, die ihm zugestanden hätte. Aber vergessen ist er zum Glück auch nicht – und ich habe mich sehr gefreut, als ich 2018 den Film „Homo novus“ in Riga im Kino sehen konnte.
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Über den Autor
Dr. Berthold Forssman studierte an den Universitäten Erlangen, Reykjavík und Kiel Skandinavistik (Nordische Philologie), Slawistik und Germanistik und promovierte nach dem Magister in Skandinavistik an der Universität Jena in Indogermanistik über ein Thema zu den baltischen Sprachen. Seit 2002 ist er als freiberuflicher Übersetzer, Journalist und Autor tätig und übersetzt aus den Sprachen Schwedisch, Lettisch, Litauisch, Estnisch und Isländisch in seine Muttersprache Deutsch. Er ist staatlich geprüfter Übersetzer für Schwedisch und Lettisch, staatlich überprüfter Übersetzer für Isländisch, staatlicher Prüfer für Estnisch, Lettisch und Isländisch und vom Landgericht Berlin ermächtigter Übersetzer für Schwedisch, Lettisch, Estnisch und Isländisch. Zur persönlichen Website des Autors gelangen Sie hier!